
Das neue NZZ-KMU-Barometer zeichnet ein unbequemes Bild: Künstliche Intelligenz ist das Top-Thema der Schweizer KMU, doch nur gut ein Viertel nutzt sie strategisch. Wenn ein Unternehmen viel in KI investiert und trotzdem kaum vorankommt, liegt das selten an der Technik. Es liegt an der Reihenfolge. Und es ist ein Weckruf, der nicht von uns kommt, sondern von der NZZ.
Im Welschland gibt es einen Spruch, der es auf den Punkt bringt: «La Suisse se lève tôt, mais elle se réveille tard.» Die Schweiz steht früh auf, aber sie erwacht spät. Genau diesen Satz hat die «Neue Zürcher Zeitung» über ihr diesjähriges KMU-Barometer gesetzt, und er beschreibt ein Muster, das wir in fast jedem Erstgespräch erleben: Schweizer Unternehmen sind fleissig, solide und operativ stark. Aber wenn es darum geht, das Geschäft strategisch an eine neue Lage anzupassen, zögern viele.
Das ist keine steile These eines KI-Anbieters. Es ist das Ergebnis einer Untersuchung, die die NZZ gemeinsam mit der Kalaidos Fachhochschule durchgeführt hat. Im Frühjahr 2026 haben 495 Personen aus Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten Schweizer Unternehmen Auskunft gegeben. Der Titel des Berichts fasst den Befund in drei Worten zusammen: «Operativ stark, strategisch träge.»
Wer KI ernst nimmt, sollte diesen Bericht lesen. Denn er zeigt mit ungewohnter Deutlichkeit, woran es hakt, und es ist nicht die Technik.
Der Befund: viel Bewegung, wenig Richtung

Zunächst die Stimmung, und sie ist gedrückt. Der Gesamtindex des NZZ-KMU-Barometers fällt 2026 auf minus 7,3 Punkte, den tiefsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2021. Als grösste Sorge nennen die Befragten die internationalen Spannungen, die von der US-Zollpolitik ausgehen. Die Lage ist also unsicher, und das prägt den Blick nach vorne.
Inmitten dieser Eintrübung gibt es einen klaren Lichtblick, und er heisst Technologie. Künstliche Intelligenz ist laut Barometer das mit Abstand am häufigsten genannte Zukunftsthema: 49 Prozent der Befragten führen sie an, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Knapp 80 Prozent sehen ihre Lage bei der Einbindung moderner Technologien verbessert. Die Aufbruchstimmung ist also da, die Werkzeuge sind verfügbar, das Interesse ist gross.
Bemerkenswert ist allerdings, wie zwiespältig die KMU der Technologie begegnen. Derselbe technologische Wandel, den 80 Prozent als Verbesserung erleben, landet bei 16 Prozent zugleich auf Platz eins der grössten Sorgen. KI ist für die Schweizer Wirtschaft also Hoffnungsträger und Risiko in einem, eine Ambivalenz, die laut Barometer kein anderes Thema in dieser Schärfe aufweist. Und die Zuversicht in die eigene Stärke, jahrelang ein Markenzeichen der Schweizer KMU, ist seit 2024 Jahr für Jahr gesunken.
Und trotzdem stimmt etwas nicht. Denn dieselbe Studie deckt eine Lücke auf, die alles andere überschattet.
Die teure Lücke: 87 Prozent machen KI, 27 Prozent nutzen sie strategisch

Hier liegt der Kern, und es lohnt sich, die beiden Zahlen nebeneinander zu stellen. Laut Barometer gehen 87 Prozent der Unternehmen KI proaktiv an: 52 Prozent experimentieren in einzelnen Bereichen, weitere 35 Prozent investieren bereits gezielt in Technologien und Kompetenzen. Das ist eine beeindruckende Quote.
Doch nur 27 Prozent geben an, Daten systematisch für strategische Entscheidungen zu nutzen. Mehr als die Hälfte greift bloss punktuell auf Analysen zurück, und 18 Prozent verlassen sich vorwiegend auf Erfahrung und Intuition. Die NZZ zieht daraus einen nüchternen Schluss, den man sich als Unternehmer auf den Schreibtisch legen sollte: «Tech-Adoption läuft der Reife strategischer Datennutzung voraus.» Oder anders gesagt: Es werden Werkzeuge gekauft, bevor klar ist, welche Frage sie eigentlich beantworten sollen.
Das ist die falsche Reihenfolge. Und sie erklärt, warum so viel KI-Begeisterung am Ende wenig bewegt. Eine KI, die auf eine unsortierte Datenlage und einen unklaren Prozess trifft, produziert schnelle Antworten auf die falschen Fragen. Wer hingegen zuerst weiss, wo der Engpass liegt und welche Entscheidung er besser treffen will, setzt dasselbe Werkzeug mit einem Vielfachen an Wirkung ein. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist nicht das Budget und nicht das Modell. Es ist die Strategie.
Wie das in der Praxis aussieht, kennt fast jeder Betrieb. Eine Abteilung testet einen KI-Assistenten, das Marketing automatisiert ein paar Texte, jemand in der Buchhaltung probiert ein Tool zur Belegerfassung. Jeder werkelt für sich, und nach einigen Monaten steht die Frage im Raum, was das alles eigentlich gebracht hat. Dass dies kein reines Schweizer Phänomen ist, zeigt der internationale Vergleich: Auch weltweit nutzen laut der Unternehmensberatung McKinsey fast alle Firmen KI, aber nur ein kleiner Bruchteil holt daraus einen messbaren Geschäftswert. Die Schweiz ist mit ihrer Lücke also nicht allein. Aber sie kann es sich angesichts der aktuellen Unsicherheit am wenigsten leisten, sie offen zu lassen.
Entscheiden aus dem Bauch, in der unsichersten Zeit seit Jahren
Die Studie wird an einer weiteren Stelle unbequem. Gefragt, wie sie unter Druck entscheiden, beschreiben 49 Prozent der Unternehmen ihre Entscheidungen als «pragmatisch und intuitiv, aus dem Bauch». Nur 43 Prozent treffen sie strukturiert und faktenbasiert. In ruhigen Zeiten ist das gut gegangen, das Bauchgefühl erfahrener Unternehmer ist eine reale Stärke. Doch die Zeiten sind nicht ruhig.
Dazu kommt ein psychologischer Befund, den die NZZ besonders hervorhebt. 55 Prozent der Unternehmen halten sich für resilient, für krisenfest. Aber nur 27 Prozent trauen sich zu, ihr Geschäftsmodell innerhalb von sechs Monaten grundlegend anzupassen, und 43 Prozent würden dafür mindestens ein Jahr brauchen. Noch konkreter wird es bei der Reaktionsgeschwindigkeit auf die letzte grössere Marktveränderung: Gerade einmal 6 Prozent reagierten sehr schnell, also innert dreier Monate, während 15 Prozent mehr als zwei Jahre brauchten. Und ein unerwarteter Umsatzrückgang von 20 bis 30 Prozent über ein halbes Jahr wäre für 18 Prozent der Unternehmen kaum zu verkraften oder gar existenzbedrohend. Die Studie nennt das die Differenz zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Widerstandskraft und warnt ausdrücklich: «Eine positive Selbsteinschätzung der Krisenfestigkeit ist nicht zwingend gleichzusetzen mit tatsächlicher strategischer Anpassungsfähigkeit.»
Das ist die eigentliche Gefahr. Nicht der Pessimismus, sondern die Selbstüberschätzung. Wer sich für anpassungsfähig hält, es aber nicht ist, merkt es erst, wenn es zu spät ist. Und hier schliesst sich der Kreis zur Lücke von vorhin: Wer Entscheidungen vorwiegend aus dem Bauch trifft, weil eine systematische Datenbasis fehlt, ist ausgerechnet dann am langsamsten, wenn Tempo am meisten zählt. Die strategische Trägheit und die fehlende Datennutzung sind nicht zwei Probleme, sondern zwei Seiten desselben.
Der stille Trugschluss beim Fachkräftemangel
Ein Detail des Barometers verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es die Lücke noch brisanter macht. Der Fachkräftemangel, jahrelang die Topsorge der Schweizer Wirtschaft, wird 2026 deutlich seltener genannt als zuvor, der Anteil sank von 17 auf 11 Prozent. Die NZZ liefert die wahrscheinliche Erklärung gleich mit: Viele Unternehmen hoffen, den Personalmangel zumindest teilweise mit künstlicher Intelligenz auffangen zu können. Tatsächlich wird die Personalsituation erstmals seit Jahren entspannter eingeschätzt, parallel zur Verdoppelung der KI-Nennungen.
Diese Hoffnung ist nicht unbegründet, aber sie ist riskant, solange sie ohne Strategie bleibt. Eine KI, die eine fehlende Fachkraft ersetzen soll, ohne dass der dahinterliegende Prozess sauber definiert ist, schafft keine Entlastung, sondern eine neue Baustelle. Wer auf KI als Antwort auf den Fachkräftemangel setzt, braucht die Strategie davor also dringender, nicht weniger. Sonst wird aus einer berechtigten Hoffnung eine teure Enttäuschung.
Warum mehr KI nicht die Antwort ist

Die naheliegende Reaktion auf einen solchen Befund wäre, noch mehr Tempo zu machen: noch ein KI-Tool, noch ein Pilot, noch eine Lizenz. Genau das wäre der Fehler. Das Problem der Schweizer KMU ist nicht zu wenig KI. Es ist zu wenig Richtung.
Ein zweiter Befund aus dem Barometer unterstreicht das. Während 87 Prozent starke Kunden- und Lieferantenbeziehungen für ihre Krisenfestigkeit wichtig finden, halten nur 39 Prozent wirksame Governance-Strukturen für zentral. Es ist die grösste Lücke der ganzen Studie. Für viele Schweizer KMU heisst Resilienz vor allem Cashflow und gute Beziehungen, kaum aber klare Strukturen und Spielregeln. Doch genau diese Strukturen entscheiden darüber, ob aus einem Werkzeug ein System wird oder bloss eine weitere Insellösung.
Mehr Technologie auf ein unsortiertes Fundament zu stapeln, macht das Fundament nicht stabiler. Es macht nur den Wackel grösser. Der Befund zur Governance verschärft das noch: Solange Strukturen und Spielregeln als zweitrangig gelten, bleibt selbst die beste Technologie eine lose Sammlung von Einzelteilen, die im Ernstfall nicht zusammenspielt. Wer den NZZ-Befund ernst nimmt, kommt deshalb nicht um die unbequeme Frage herum, die vor jedem Tool steht: Wozu eigentlich?
Die richtige Reihenfolge: Strategie, dann Systeme, dann KI
An dieser Stelle wird aus der Diagnose ein Weg. Wir bei dalistovision halten seit Jahren an einer festen Reihenfolge fest, und der NZZ-Befund liest sich wie ihre Bestätigung: zuerst die Strategie, dann die Systeme, dann die KI.
Zuerst die Strategie heisst, ehrlich Standort zu bestimmen, bevor man investiert. Wo verlieren wir heute Zeit, Geld und Qualität, welche Entscheidungen treffen wir zu oft aus dem Bauch, und wo läge der grösste Hebel? Genau das leistet ein KI-Audit, eine strukturierte Bestandsaufnahme, an deren Ende kein Lizenzvertrag steht, sondern ein Fahrplan.
Dann die Systeme heisst, das Fundament zu legen, auf dem KI überhaupt wirken kann. Dazu gehört, das eigene Wissen auffindbar und nutzbar zu machen, die KI-Nutzung im Team sicher und einheitlich aufzustellen und wiederkehrende Abläufe kontrolliert zu automatisieren. Das sind die Strukturen, deren Fehlen das Barometer beklagt.
Und erst dann die KI, dort eingesetzt, wo sie auf ein klares Ziel und eine saubere Datenbasis trifft. Dann wird aus den 27 Prozent, die heute datenbasiert entscheiden, eine Mehrheit. Dann verpufft die Technologie nicht, sondern verstärkt eine gute Strategie. Genau das unterscheidet die Unternehmen, die mit KI wirklich vorankommen, von jenen, die nur Kosten produzieren.
Diese Reihenfolge ist keine Bremse, sondern ein Beschleuniger. Sie sorgt dafür, dass jeder Franken und jede Stunde dort landen, wo sie die grösste Wirkung haben, statt sich in einem Dutzend halbfertiger Pilotprojekte zu verlieren. Das Barometer zeigt ja, dass die operative Kraft längst vorhanden ist. Was vielen fehlt, ist nicht die Fähigkeit zu handeln, sondern die Klarheit darüber, woran man zuerst arbeitet. Und genau diese Klarheit lässt sich herstellen, bevor man auch nur ein einziges Werkzeug kauft.
Was das für Ihr Unternehmen heisst
Die gute Nachricht steckt im ersten Teil des Welschland-Spruchs: Die Schweiz steht früh auf. Die operative Stärke, die das Barometer attestiert, ist ein echtes Pfund. Sie ist das Fundament, auf dem sich strategische Anpassungsfähigkeit aufbauen lässt, schneller, als viele denken.
Konkret bedeutet das vier Schritte, und keiner davon beginnt mit einer Lizenz. Der erste ist die ehrliche Standortbestimmung statt der Tool-Auswahl: Wo verlieren wir heute am meisten Zeit, Geld und Qualität, und welche Entscheidung würden wir gerne auf eine bessere Grundlage stellen? Der zweite ist, das eigene Wissen und die eigenen Daten zu ordnen, denn ohne saubere Grundlage bleibt jede Entscheidung Bauchgefühl, so modern das Werkzeug auch sein mag. Der dritte sind klare Spielregeln dafür, wer welche Daten nutzt, wer vorbereitet und wer am Ende entscheidet. Und der vierte ist, klein und systematisch zu starten, an einem einzigen Anwendungsfall, der einen echten Engpass löst, statt an einem Leuchtturmprojekt, das gut aussieht, aber niemandem hilft. Bewährt sich dieser erste Fall, wird er zur Vorlage für den nächsten, und aus einzelnen Schritten wird mit der Zeit echte strategische Beweglichkeit.
Nichts davon erfordert ein Grossprojekt oder ein KI-Team. Es erfordert die Bereitschaft, die Reihenfolge umzudrehen.
Zum Schluss: früh aufstehen, früher erwachen
Der NZZ-Befund ist kein Grund zur Schwarzmalerei. Er ist eine Einladung. Schweizer KMU haben bewiesen, dass sie unter Druck handlungsfähig bleiben, dass sie fleissig sind und solide. Was vielen fehlt, ist nicht die Kraft, sondern die Richtung.
Das Zeitfenster dafür ist günstiger, als die gedrückte Stimmung vermuten lässt. Gerade in unsicheren Phasen entscheidet sich, wer gestärkt herauskommt und wer zurückfällt. Die Unternehmen, die jetzt nicht in blinden Aktionismus verfallen, sondern zuerst ihre Strategie schärfen, bauen sich einen Vorsprung auf, der bleibt, wenn die Wolken sich wieder lichten. Wer hingegen wartet, bis alle anderen erwacht sind, läuft am Ende dem Feld hinterher, statt es anzuführen.
Die Technologie ist da, das Interesse ist riesig, die operative Stärke ist vorhanden. Es braucht nur den Mut, vor dem nächsten Tool die strategische Frage zu stellen. Wer das tut, verwandelt Aktionismus in Wirkung. Die Schweiz steht ohnehin früh auf. Jetzt geht es darum, auch früher zu erwachen, und das gelingt in genau dieser Reihenfolge: zuerst die Strategie, dann die Systeme, dann die KI.
